Britt-Marie war hier von Fredrik Backman


Titel: Britt-Marie war hier
Autor: Fredrik Backman
Veröffentlicht: 2016
Seitenzahl: 384
Verlag: Fischer Krüger
Serie: Nein.
Genre: Roman
Preis: 19,99€


Zum Cover:
Ich finde es toll, das alle Cover von Fredrik Backman einzigartig sind. Man erkennt sofort, dass es sich um ein Buch von ihm handelt. Was ich sehr schön finde, ist dass die Schrift sich ändert. Ich habe das bei "Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid" noch bemängelt. Aber ich habe erkannt was der Verlag sich dabei gedacht hat. Glaub ich jedenfalls. Und zwar: Bei Ove und bei Britt-Marie handelt es sich um fast die gleiche Schrift. Eine erwachsene Schrift. Während die bei Ove etwas härter ist, ist die bei Britt-Marie etwas verspielter (man beachte das M von Mann und Marie). Bei Oma dagegen ist es eine kindliche Schrift. Die Protagonistin ist ein Kind. TADA! Also hat selbst die Schrift mit dem Charakter zutun, was ich als eine sehr schöne Idee empfinde.

Zur Geschichte:
"Wäre Kent hier..." Britt-Marie hat ihr gesamtes Leben für andere gelebt. Erst war es ihre Mutter, dann ihr Ehemann und dessen Kinder aus erster Ehe. Nachdem Kent sie jedoch jahrelang betrogen hat, sammelt die mittlerweile 63-jährige Britt-Marie ihren gesamten Mut zusammen und verlässt ihn. Sie, die seit 40 Jahren nicht mehr gearbeitet hat, muss sich nun alleine durch das Leben kämpfen. Und schon bald erkennt sie, dass es im Leben mehr gibt als die Wünsche anderer.

Meine Meinung:
Das Buch beschäftigt sich mit einer der irritierendsten und einzigartigsten Personen, die ich in einer sehr langen Zeit kennenlernen durfte. Britt-Marie, die als unsensible, penetrante und passiv-aggressive Nachbarin in "Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid" aufgefallen ist, bekommt in diesem Buch ihre eigene, ganz persönliche Bühne.
Nach 40 Jahren eine Ehe zu verlassen ist nicht einfach. Nach 40 Jahren wieder auf eigenen Beinen zu stehen noch weniger. Doch Britt-Marie hat genug davon nicht gesehen zu werden, als selbstverständlich angesehen zu werden. Also packt sie ihre Taschen und sucht sich beim Arbeitsamt einen Job. Mit Arbeitserfahrung, die offiziell nicht als Arbeitserfahrung, sondern als Hausfrauenzeug angesehen wird, eine schwere Aufgabe. Britt-Maries penetrante Art und Weise, ihre Beharrlichkeit und ihre Ausdauer beschaffen ihr eine Arbeitsstelle in Borg, als Leiterin eines Jugendzentrums.
(Ich muss hier mal kurz einwerfen: nein, es gibt kein Dorf namens Borg. Wenn ihr danach googeln wollt, landet ihr bei Bildern aus den Star Trek Filmen.. :D)

Britt-Marie hat eine definitive Zwangsstörung. Absolut alles muss sauber sein, so sauber, dass man davon essen könnte, nur damit sie es daraufhin nochmal putzt und nochmal und nochmal... Diese Charaktereigenschaft hat es mir zu Beginn etwas schwer gemacht Britt-Marie näher zu kommen. Ihre Art über Sachen zu denken ist eigenartig, etwas anstrengend, aber irgendwie auch verdammt liebenswürdig. Sie wird in eine für sie vollkommen ungewohnte Situation geworfen. Entscheidungen hat immer Kent getroffen. Auch die sozialen Kontakte wurden weniger von ihr als von Kent geführt. Sie war immer nur da und hat geputzt. Nach und nach schafft sie es ihre Angewohnheiten zu lockern. Die Ratte, die sie zu Beginn verjagen wollte, bekommt jeden Abend um 6 ein Stück Snickers. Um Punkt 6. Wir sind ja Menschen. Die Kinder, die sich beim Fußball spielen von oben bis unten einsauen stehen vor ihrer Tür und wollen reinkommen. Dreckig. Aber Britt-Marie hat ja keine Vorurteile.
Sie ist genau das, was ich als "socially awkward" definieren würde. Sie hat so lange keinen Kontakt mehr mit Menschen gehabt, dass sie keine Ahnung hat, wie man miteinander umgeht. Das ihr Mann verbal übergreifend wurde, hilft dabei auch nicht wirklich, eher im Gegenteil. Nach Jahren der emotionalen Vernachlässigung versucht sie nett zu sein und haut dabei so manche Sachen raus, die so ungewollt beleidigend sind, dass sie schon wieder lustig sind. Also putzt sie um ihre Zuneigung zu zeigen.
Genau wie bei Ove haben wir bei Britt-Marie eine schleichende Charakterentwicklung. Das faszinierende ist, dass diese Entwicklung auf beiden Seiten stattfindet. Sowohl Britt-Marie als auch der Leser entwickeln sich weiter. Mit kleinen Schritten geht es voran und schon bald erkennt man wie viel mehr ein Mensch eigentlich ist, als nur dass was man von ihm sieht.
Die Magie, mit der Fredrik Backman seine Charaktere bestückt, findet sich auch in Britt-Marie wieder. Er schafft es die anstrengendsten Persönlichkeiten zu liebenswerten zu wandeln in dem er einfach nur ein Blick auf ihr Leben wirft. Im Laufe des Buches bildet sich ein Bild von einer Frau, die vom Leben gezeichnet wurde, die nie die Aufmerksamkeit bekommen hat die sie verdient hätte und die nie als wichtig galt. Das Bild einer Frau, die nie für sich selbst gelebt hat. Einer Frau, die anstrengend zu mögen, aber unheimlich einfach zu lieben ist.

Es gibt eigentlich nur eine perfekte Beschreibung für Fredrik Backmans Schreibstil: emotional einfach. Seine Sätze sind knapp, mit wenigen Worten aber mit so vielen Gefühlen vollgepackt, dass ein Fußballstadion nicht groß genug ist. Genau diese Details sind es die mich in seinen Büchern versinken lassen und mich auch noch Jahre später begleiten.

Fazit:
"Britt-Marie war hier" ist das perfekte Beispiel für Fredrik Backmans Können, eine wundervolle Geschichte um eine offensichtlich uninteressante Person zu bauen. Fredrik Backman sieht Menschen als ein Gesamtbild ihrer Geschichte und schafft es dieses Bild in seinen Büchern aufzugreifen und zu vermitteln. Von mir gibt es eine uneingeschränkte Leseempfehlung.


Weitere Bücher von Fredrik Backman:
(Ein Klick auf das Bild um zur Rezension zu gelangen)
Vielen Dank an Fischer Krüger für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.


Kommentare:

  1. Hallo Henny,

    ich habe "Ein Mann namens Ove" geliebt. Es war eines meiner Highlights im bisherigen Lesejahr. Wenn mir das Buch eines Autors so gut gefällt, dann habe ich immer Angst, ein anderes zu lesen, denn ich befürchte, dass es mich enttäuschen könnte. Aber deine Rezi macht mir Mut ...

    Ganz liebe Grüße aus Tirol
    Marie

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    1. Huhu Marie!
      Ich kann dich sehr gut verstehen. Ove zu übertreffen ist schwer, wenn nicht fast unmöglich. Aber Britt-Marie ist wirklich sehr nah dran, wenn nicht sogar auf gleichem Niveau.
      Liebe Grüße
      Henny

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  2. Hallöchen :D
    Ich habe bisher nur Ove als Hörbuch gehört und das fand ich wirklich toll. Es hat mir gefallen wie gut Ove charakterisiert war und die Geschichte an sich war so aufschlussreich. Wirklich toll gemacht. Britt-Marie reizt mich auch, aber momentan bin ich nicht so ind er Stimmung für solche Bücher. ^^ Mal sehen, wann ich es lesen werde.

    Liebst, Lotta

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